Sonntag, 19. Juni 2011

Der vergessene Teddybär

Die Aufgabenstellung lautete:

Wenn ein Teddybär erzählen könnte..............

( Kramen im Langzeitgedächtnis )


Fast jedes Kind hatte einmal einen Teddybären. Ich hatte meine Teilnehmer gebeten, die Geschichte eines Teddybären zu vervollständigen. Es kamen ganz reizende Geschichten dabei heraus. Eine davon habe ich im unteren Teil dieses Blogeintrages eingestellt. Eine Dame hatte sogar einen alten Bären mitgebracht. Er hatte Flickstücke auf seinem Fell, die Nase war repariert, er war beim "Bärenarzt" gewesen. Sie sagte: "Dieser Bär erinnert mich an die Kindheit meiner Tochter, er hat einen festen Platz in unserer Wohnung". Er sitzt noch immer auf einem Sessel und wartet, bis er nochmal ein bisschen Zuwendung von jemanden erfährt.

Unter den Teilnehmern wurden viele Erinnerungen an frühere Zeiten wach gerufen. Wir hatten eine schöne, besinnliche Kursstunde.

Der vergessene Teddybär
©E.L.S.A.

„Na, wer stupst mich denn da von einer Ecke in die andere und dann das grelle Licht, das bin ich ja gar nicht mehr gewohnt“, brummt Clemens, ein struppiger Teddy. „ Sei bloß nicht so empfindlich, was wollte ich da sagen, Du liegst schon zig Jahre auf meiner grünen Samtschleife“, erwiderte der einst so todschicke Florentinerhut.“

Zwei flinke Hände hatten zuvor emsig in der alten Holzkiste gewühlt, was nur hin und wieder mal vorkam. Meistens zur Faschingszeit, wenn nach alten Kostümen oder nach etwas Brauchbarem gesucht wird, fällt für kurze Zeit Licht in diese vergessene Welt.

„Ich bin ja nicht schwer, mein Inneres besteht ja nur aus Stroh“. „Ich bin auch aus Stroh und in den Köpfen, auf denen ich früher hin und wieder saß, war auch Stroh,“ erwiderte der Florentinerhut. Da mussten beide lachen und vergaßen dabei, dass sie noch nie miteinander gesprochen hatten, obwohl sie sich schon einige Jahre in der alten Kiste so nahe waren.

Der Florentinerhut schüttete ihm sein Herz aus und beschwerte sich, dass er, der er doch so ein edles Stück war, heute in dieser muffigen alten Mottenkiste liegen muss. „Einst haben sich die beiden Mädels des Hauses um mich gestritten, jede wollte mich tragen, ob beim Rendezvous, beim Sommerfest - bei allen festlichen Anlässen war ich das Tüpfelchen auf dem i. Frag die lila Seidenstola, sie hat auch ausgedient und liegt weiter unten, eingewickelt in eine vergilbte Zeitschrift.“

„Ich glaube Dir, brummte Clemens. Ich weiß, wie es ist, wenn die Menschen einem nicht mehr brauchen. Zuerst wird man links liegen gelassen und später verschwindet man in dieser dunklen Kiste auf dem Speicher. Ganz wegwerfen wollen sie uns nicht, sie könnten ja schließlich noch mal Verwendung für uns haben. Allerdings ist mir dies bis heute noch nicht passiert. Mich braucht niemand mehr, brummt er traurig.“ Dabei sieht er verlegen auf seine Tatzen - die eine war blau, die andere rot.

„Weißt Du, ich war einmal das Weihnachtsgeschenk von Oma Elsa für ihr Enkelkind Lottchen. Mit Lottchen verstand ich mich auf Anhieb. Sie sagte nicht einfach Bär zu mir, nein sie gab mir den Namen Clemens und alle in der Familie nannten mich auch so. Lottchen und ich waren ein Herz und eine Seele. Ich war ihr Schlafkamerad, ich wurde im Puppenwagen spazieren gefahren, musste ihre Kleidchen und Jäckchen anziehen, obwohl ich ja ein Junge bin und wurde ständig von ihr an meinen Tatzen durch die Wohnung geschleppt. Eines Tages war es dann so weit, dass meine Tatzen vom vielen Angreifen ganz zerschlissen waren. Lottchen bestand darauf, dass ich einen roten und einen blauen Handschuh bekommen sollte. Mir machte das nichts aus. Hauptsache sie hatte mich lieb.

Bis eines Tages ihre Freundin Reni, die ich gar nicht leiden konnte, mit dieser stracken blonden Barbipuppe aufkreuzte. Lottchen wollte natürlich auch so eine blöde Puppe haben.
Diese hatte nämlich Haare, die man kämmen konnte und viele Kleider zum Wechseln. All dies konnte man mit einem Teddy ja nicht. Ab sofort war ich tagsüber nur noch Luft für sie, doch ich durfte nachts bei ihr schlafen, bis Lottchen eingeschult wurde. Da bekam sie nämlich ein eigenes Zimmer und wieder war es Reni, die mein Schicksal besiegelte. Ach, schläfst Du immer noch mit diesem Brummbär, sagte sie und schaute mich geringschätzig an.
Vergessen waren unsere schönen Stunden, vergessen auch, dass ich ganze Nächte bei ihr gewacht habe, wenn sie mal krank war. Vergessen waren die Tränen, die sie auf mich weinte, wenn sie sich fürchtete oder schlecht geträumt hatte.
Ich bekam einen Platz auf dem kleinen Stühlchen in der Fensternische, auf dem ich so oft mit Lottchen zusammen gesessen hatte. Von hier aus sah ich nun, wie Lottchen immer größer und größer wurde. Ab und zu kam sie mal zu mir, wiegte mich hin und her, und wenn sie mein Brummen gehört hatte, setzte sie mich wieder hin, um sich mit anderen Dingen zu beschäftigen. Reni war nur noch ein- oder zweimal gekommen, dann war sie für immer verschwunden. Dafür tauchte aber öfter ein junger Mann auf, den ich überhaupt nicht leiden konnte. Er hat Lottchen nämlich immer mitgenommen. Aber was noch schlimmer war, Lottchen nahm ihn manchmal in die Arme und drücke ihn an ihr Herz, genau so, wie sie es früher immer mit mir tat. Das war schrecklich für mich anzusehen. Und das aller, aller Schlimmste war, er sagte zu Lottchen immer L i e s e l o t t e.

So verging die Zeit, bis eines Tages eine große Aufregung im Haus zu spüren war. Koffer standen herum, Berge aus Kleidern wurden durchwühlt und alle waren ganz aufgeregt. Lottchens Mutter hat sogar geweint. Gegen Mittag kam Lottchen in das Zimmer, sie war wunderschön angezogen. Sie trug ein langes weißes Kleid, das reichte bis zum Boden, und auf ihren schönen blonden Locken trug sie einen grünen Myrtenkranz – sie sah aus wie ein Engel an Weihnachten. Aber es war Mai und ich sah Lottchen zum letzten Mal. Ich saß wie immer auf dem alten Klappstühlchen und konnte meinen Schmerz kaum verbergen, ich fühlte, dass ich ab heute ohne mein Lottchen weiterleben musste. Als ihre Mutter kam und sie ermahnte, dass es jetzt Zeit wäre, ging sie zur Tür, drehte sich plötzlich um und kam zu mir, nahm mich ein letztes Mal in ihre Arme, drückte mich an sich, wiegte mich hin und her, um mein Brummen zu hören und schaute mich lange an. Ich wagte kaum zu atmen vor lauter Glück. Dann setzte sie mich hin, strich mir über den Kopf und sagte: Tschüss Clemens, alter Freund, du warst mein liebster Spielkamerad und ging aus dem Zimmer.
Später, bei irgend einem Hausputz, hat man mich dann in diese alte Holzkiste zu all den Dingen gelegt, die nicht mehr gebraucht werden.“

Clemens kämpfte mit den Tränen, so sehr hatte ihn die Erinnerung an die früheren Zeiten gerührt. Auch der Florentinerhut war ganz ergriffen, darum bemühte er sich, schnell etwas Lustiges zu sagen, damit Clemens wieder lachen konnte. „Kopf hoch, alter Bär, irgendwann holen sie uns wieder aus dieser dunklen Kiste, und wir beide erleben etwas Wunderschönes.“

Und genau so war es auch. Anlässlich eines Kostümfestes wurde der Hut hervorgeholt, seine grünen Samtbänder geglättet und mit einem kleinen Veilchensträußchen auf neu getrimmt. Die Frau des Hauses glänzte mit ihrer Garderobe auf dem Frühlingsball und hierbei war der Florentinerhut – genau wie früher - wieder das Tüpfelchen auf dem i.

Clemens landete eines Tages zusammen mit anderen Spielsachen in einem großen blauen Nylonsack und wurde auf eine große Reise geschickt.


Wieder war Weihnachten, aber in einem fremden Land und nicht Oma Elsa, sondern eine rotbackige dicke Tante Olga verschenkte ihn an ein kleines Mädchen. Das Mädchen heißt Natascha und lebt mit drei Schwestern und zwei Brüdern in einer kleinen ärmlichen Wohnung.

Natasche hat schwarze Locken und dunkle Augen. Sie ist ein liebes Mädchen und er fühlt sich sehr wohl bei ihr, denn auch sie gibt ihn nicht aus den Händen, nimmt ihn überall mit hin und er darf auch nachts bei ihr schlafen. Obwohl es im Bett etwas eng ist, denn Natasche muss das Bett mit ihrem Schwesterchen Ina teilen. Ina bekam vom Christkind ein kleines Negerpüppchen geschenkt. Das sieht sehr niedlich aus. So liegen sie dann Nacht für Nacht zu viert in einem Bett. Obwohl Clemens diese fremde Sprache anfangs nicht verstand, bemerkte er doch, dass er einen neuen Namen bekommen hatte. Alle nennen ihn jetzt Igor.

Ob Clemens oder Igor, die Hauptsache ist, er wird wieder gebraucht, sagt sein Bärenverstand und nach nicht all zu langer Zeit, fühlte er sich heimisch. Außerdem wird er allmählich alt, doch Natascha hegt und pflegt ihn, bürstet sein struppiges Fell, strickt für ihn einen dicken Wollanzug und näht ein Paar feste Filzschuhe, denn wo er jetzt lebt, ist es recht kalt. Er ist wieder glücklich und im 7. Bärenhimmel. Nur ab und zu, da träumt er von der alten Heimat, von den ersten Weihnachten - und von seinem Lottchen.


Der Teddybär auf dem Bild ist ein Bär von unserem Sohn. Ich bin froh, dass ich ihn behalten durfe.

Ich bin mir sicher, auch ihr habt zuhause noch einen Bären, eine Puppe oder sonst ein Stofftier, dass euch an frühere Zeiten erinnert. Wenn ja, könnt ihr es mir gerne auf der Pinwand einstellen. ich würde mich freuen.

Ich wünsche euch einen gemütlichen Sonntag

Waltraud

Kommentare:

  1. Oh diese Geschichte von Clemens berührte mich sehr liebe Waltraud,danke dafür.Habe auch noch einen Teddy meines Töchterleins der bei mir blieb.Auch dir einen schönen Sonntag, bei uns hat es stark geregnet und jetzt ist es wieder kühler geworden. Lg Ilse.

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  2. Liebe Waltraud,

    diese Geschichte über den Bär Clemens und den Florentiner Hut ist sehr lieb! Ich habe mal ein Gedicht geschrieben über eine rote Truhe, in der die Spielsachen meiner Kinder aufbewahrt wurden und nach langer Zeit von mir wieder mal geöffnet wurde. Das Gedicht ist lang, aber ich werde es Dir trotzdem hier reinstellen, weil es einfach gut zu der Teddybärgeschichte passt!

    Komm' gleich wieder, muss das Gedicht suchen!
    Bis dann!

    Renate

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  3. Liebe Waltraud, hier ist mein Gedicht.


    SCHATZSUCHE

    Eine große, rote Truhe
    steht im Keller - lange schon.
    „Es gibt sie noch!“ sagte ich neulich
    zu meinem längst erwachs’nen Sohn.

    Aufgeregt, mit etwas Wehmut
    nahm ich mir die Kiste vor -
    und einen Schatz, ganz ohnegleichen
    kramte ich daraus hervor:
    Lego-Steine, Bilderbücher
    und Kastanien, ohne Zahl,
    Tannenzapfen, bunte Tücher
    und ein blauer Puppenschal.
    Teddybär mit einem Auge,
    Gummibälle, Trillerpfeife,
    Rindenschiffchen, bunte Perlen,
    Puppe ‘Susi’, schön mit Schleife.
    Schienen für die Eisenbahn,
    Luftballon und Puppenschuhe,
    Jumbo fehlte schon ein Zahn,
    dieser fand sich in der Truhe.
    Sandkastensand, verstreut am Boden,
    rief Erinnerungen wach.

    Ich sah euch durch den Garten toben
    und barfuß waten durch den Bach.
    Ich sah euch Weihnachtssterne kleben
    und malen manches schöne Bild.
    Die Kastanientiere nicht mehr leben,
    dafür fand sich jenes Schild:
    ‘Zaubervorstellung von sechs bis sieben -
    für alle Personen Eintritt frei’
    steht auf diesem Schild geschrieben
    und ‘Kommt Ihr Leute, kommt herbei!’

    Fast meinte ich, ich hör’ euch lachen,
    für einen kurzen Augenblick -
    Langsam nahm ich all’ die Sachen
    und legte sachte sie zurück.

    Da steht sie nun, die rote Truhe,
    träumt vor sich hin
    und hofft im Stillen,
    dass dereinst, so Gott es will,
    wieder Kinderhände in ihr wühlen.

    (c) Renate Harig 1991

    1992 wurde ich das erste Mal OMA ♥

    Liebe Grüße

    Renate

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  4. Liebe Renate,

    ein sehr schönes Gedicht hast du da verfasst. Beim Lesen tauchen Bilder vor mir auf, so wird es dir wohl beim Schreiben ergangen sein.
    Vielen Dank für die beiden Stofftiere in meiner Pinwand. Was die beiden wohl erzählen würden, wenn sie reden könnten?

    Liebe Grüße Waltraud

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  5. Den 3. Bären, der sich heute einen gemütlichen Sonntag gemacht hat, hab ich erst jetzt entdeckt. Hast du seinen Pullover selbst gestrickt? Hattest du auch einen gemütlichen Sonntag bei dem wechselhaften Wetter?

    Liebe Grüße und einen guten Start in die neue Woche - Waltraud

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  6. Liebe Waltraud!
    Eine wunderschöne Geschichte. Ich werde sie heraus kopieren und sie demnächst meinem Enkel vorlesen.
    Ich gestehe, dass ich beim Lesen sehr gerührt war und feuchte Augen bekam.
    Lieben Gruß
    Lemmie

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  7. Liebe Waltraud,
    du weißt ja dass ich Teddy´s liebe und auch sammle. Ich habe meinen allerersten Teddy noch, und der ist noch älter als ich selbst, denn der hatte vorher schon meinem Bruder gehört. Er ist alt und zerrupft, ein Stück Ohr hat es ihn gekostet, als ich meinte Friseur spielen zu müssen. Er hat gefühlte literweise Kindertränen aufsaugen müssen, seine Brummstimme hat er auch nicht mehr, ich habe ihn richtig "abgeliebt". Aber er ist mein allerliebster Bär, mein Freund aus Kindertagen und ich würde ihn niemals hergeben.

    Deine Dani

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  8. Liebe Dani,

    du hast ja eine ganze Bärenfamilie da sitzen. Ich weiß noch, dass du sie gerne magst. Danke für eure Bilder.

    Liebe Grüße Waltraud

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